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Program and Abstracts

Bernd Fichtner
"Children as uncertain significants" – A dialogue between Giorgio Agamben, Walter Benjamin and Lew Sem Vygotskij

Kinder und Kindheit sind uns vertraut; wir Erwachsene leben mit ihnen zusammen im Alltag von Familie, Schule, Freizeit und anderen Lebensbereiche; wir erinnern uns unserer eigene Kindheit, unseres eigenen Kindseins.
Zu gleich sind Kinder und Kindheit radikal anders. Sie zeigen eine irritierende Fremdheit und Heterogenität, eine absolute Differenz in Bezug zu uns und unserer Welt.
Und wenn diese rätselhafte Gegenwart von Kindheit und Kindern die Gegenwart von etwas radikal und irreduzibel Anderem ist, haben wir darüber nachzudenken in welchem Ausmaß dies Andere sich entzieht, in welchem Ausmaß es dass verunsichert, was wir wissen wie auch die Arroganz unseres Willen zur Macht. Wir haben ferner darüber nachzudenken, in welchem Ausmaß dies Andere die Orte, die für Kindheit und Kinder organisieren, in Frage stellt in der Absicht sie an uns zu reißen. Wir haben zu fragen, in welchem Ausmaß führt uns diese Andere von Kindheit und Kindern in eine Region, wo die Maßstäbe unseres Wissens und unserer Macht nicht herrschen.
In den letzten beiden Jahrzehnten hat sich national wie international eine umfangreiche Forschung über Kinder und Kindheit innerhalb einzelwissenschaftlicher Disziplinen entwickelt. Die Differenz von Kindern und Erwachsenen wird dabei durchaus thematisiert, indem gefordert wird, die Kontexte von Kindern und Kindheit und damit auch die Kontextgebundenheit der eigenen Forschung angemessen zu thematisieren. Das Problem der Fremdheit der kindlichen Lebenswelt und der Erklärungsmuster von Kindern wird durchaus als Problem der Verstehens einer fremden Kultur und als Problem einer "Bemächtigung" durch die Forschung gesehen. Lösungen scheinen hier eine verstärkte Orientierung auf Reflexion und Selbstreflexion der Methodologie und ihrer Methoden anzubieten . Ich halte diese Lösungen für nicht unproblematisch.
Sie bleiben grundsätzlich befangen und manchmal auch gefangen in der prinzipiellen Logik einzelwissenschaftlicher Forschung.
Wissenschaft als Wissensform und Prozess bemüht sich mehr oder minder erfolgreich um immer präzisere Approximationen an die Realität, wobei sie davon ausgehen muss, dass diese ihrem Wesen nach bereits erfasst ist. Die Entwicklungspsychologie weiß im Grund, was ein "Kind" oder "Jugendlicher" ist. Die Schulpädagogik weiß im Grunde was eine "Schule" als Institution und Organisation ist. Einzelne noch nicht verstandene Aspekte, Bereiche oder neu entstehende Phänomene sind dann gemäß der Logik jener immer präziseren, jedoch grundsätzlich unabschließbaren Approximation zu erforschen. Methoden werden dabei zunehmend wichtiger. Einen ganz enormen Schub erfährt diese Tendenz durch neue computerisierte Methoden und Technologien.
Philosophie und Kunst als Wissensform und Prozess machen dagegen deutlich, dass diese immer bessre Annäherung an die Realität eine Illusion ist. Sie zeigen, dass Wissenschaft nie etwas beweist. Sie stellt Hypothesen auf, prüft diese, verbessert oder verwirft sie oder stellt neue auf. Die Wissensformen von Kunst und Philosophie beziehen sich nicht approximativ auf eine vorgegebene im Grunde bereits bestimmte Wirklichkeit. Sie beziehen sich auf eine ideale und eigentlich objektiv unbestimmte Wirklichkeit
Konkret wird dies in ihrem Potential, Wirklichkeit vom "Standpunkt des Neuen" aus zu sehen. Philosophie und Kunst sind dabei voraussetzungslos. Sie sehen von jeder möglichen Instanz außerhalb ihrer selbst ab. Sie lassen sich nichts vorgeben außer sich selbst.
An drei ganz unterschiedlichen "philosophischen" Positionen zu Kindheit und Kindern und an einem möglichen Dialog zwischen diesen Positionen möchte ich diese Einschätzung konkretisieren, diskutierbar und kritisierbar machen: Giorgio Agambens Konzept von Kindheit (in-fancia), Walter Benjamins Beiträge über Kinder, Jugend und Erziehung und Lew S. Vygotskijs Konzept kindlicher Entwicklung.
Ich möchte dabei deutlich machen, dass die Ebene der Philosophie – auf Kunst kann ich nur randständig eingehen - nicht im Gegensatz zur Ebene der einzelwissenschaftlichen Forschung und ihrer disziplinären Orientierung steht, sondern dass diese als empirische qualitative und quantitative Forschung jene benötigt, will sie nicht von einer rein methodisch-technischen Orientierung beherrscht sein.